Archiv der Kategorie 'Teilnehmende Beobachtung'

Beobachtungen IV: Die Crazy Kids und das Grauen

Morgends in der Straßenbahn. Vier junge Frauen, Handy auf laut: (Vielleicht nicht der selbe Mix, aber ist ja auch egal. Jedenfalls

Gesprochen wird von irgendeinem Typen den sie irgendwo kennengelernt hatten, der ihnen wohl auf die Nerven ging.

B: „Warum kennen wir den überhaupt“
A: „Weil wir so Todesbesoffen waren“
C: (Niesst)
A: „Gesundheit“
D: „Fresse!“

Es folgt ein Themawechsel. Schön. Wenigstens war es nicht so, dass ihre Sprache nur mir selbst ein Rätsel war.

A:“Ich würde André des Grauen“
B:“Was?“
A:“Ich würde André des Grauen“
B“Was meinst du damit?!“
A“Er ist voll geil!“

Beobachtungen III: Kinderparty

Eine Mädchenbande in der Fußgängerzone. Alle vielleicht so 12.
Eine so: „Sekt geht ja direkt ins Blut. Darum war ich auch so schnell müde.“

Meine Ohnmacht ganz allein

Eine Uniformierte vom Bahnsicherheitsdienst und ein Bürger unterhalten sich in der S-Bahn.
„Ein Team ist ja zu wenig um alles sauber zu halten“ sagt sie. Er stimmt ihr zu. Sie weiter „das bräuchte mindestens zwei, vorne und hinten und am Besten aber noch eines das oben durchgeht und eins unten. Ansonsten schmeißt du sie vorne raus, gehen sie hinten wieder rein.“

Manchmal möchte man Leute dafür verantwortlich machen was sie für einen Scheiß denken und auch von sich geben. Aber mit der Verantwortung ist das so eine Sache. Keine Gewalt, die man da vernünftiger Weise anrufen möchte.

Dann bekommt mans aber nicht mal hin sie böse anzuschauen noch anzusprechen. Steigt man aus, wünscht man sich sie würde bei der nächsten Kontrolle heftig auf die Fresse kriegen – und der Typ, der sich als Hilfsbulle anbiedern könnte, gleich mit. Das macht man, oder phantasiert sich noch mal in die gleiche Situation hinein, in der man das gleich selbst erledigt – als ob Gewalt dann die Folge einer Einsicht hat. Vielleicht ist das auch nur Folge des eigenen Ärgers darauf, dass man ja einfach was hätte sagen können – und aus der im Verkehr gewöhnlichen Vereinzelung hätte heraustreten können. Mit einem hässlichen Wort, oder der ungläubigen Frage – ob man sich hier wirklich über Menschen, wie über Dinge, dreckige Dinge unterhalte – zu irritieren. An die Kraft dieser Irritation glaubt man aber auch nicht so recht.

Treffende Analyse

Zwei Jungs hinter mir in der Straßenbahn. Der eine (B) redet über einen anderen Freund, dessen Eltern – wie seine Eltern – aus der Türkei kommen, der aber kein türkisch mehr kann. „Der hat seine Wurzeln verloren“. Ihm dagegen ist es sehr wichtig auch türkisch gut sprechen zu können. Sie unterhalten sich dann über eine kleine bayrische Provinzstadt aus der sie – den Dialekteinschlägen nach – beide kommen.

A: Da kriegst du noch ein Mädchen. Und da gibts nicht so viel Schwule wie hier.
B: Ja..Ich weiß nicht, warum ich so gegen Schwule eingestellt bin. Ich mein die tun mir ja nichts. Ausser wenn sie mich ficken, ne? Ja manchmal frag ich mich, warum bin ich innerlich so böse auf Schwule, auch wenn die mir nichts schlechtes tun. Und dann denk ich eben, bin ich doch oft nicht böse auf Menschen die mir schlechtes tun. Schlechte Freunde zum Beispiel. Es hat doch jeder mal schlechte Freunde…
A: Ja es kommt halt auf den Charakter an…

Schöne analysiert! Fast wollt ich aufstehen und ihm auf die Schultern klopfen. Das hätte ich selber dann aber auch doof gefunden.

Nacht im Netto

Vielleicht wars Winter. Draussen schon dunkel. Im Laden sind nicht mehr viele Leute. Die Tür geht auf. Ein Mann betritt den Raum. Die gefütterte Lederjacke ist das einzige an das ich mich erinnere. Er stellt sich vor die Kasse. Dort sitzt der junge Marktleiter und scant.

Fuffzich meter von hier ist nen Lokal, hat man mir eben gesagt. Stimmt das?
Ahja fünfzig meter, rechts an der Seite.
Stimmt das auch wirklich? Nicht das man mich verarscht hat, ja? Eine Gastwirtschaft also?
Eine Gaststätte ja.
Weil da oben steht mein Mercedes und ich bin hier runtergelaufen…

Er dreht sich weg. Geht zur Tür. Der Marktleiter kassiert. Der Mann dreht sich wieder um. Zu einem an der Kasse.

Ah hast Spaghetti gekauft.
Ich hab keine Spaghetti gekauft!
Also ich, ich kauf hier nichts!

Zum Marktleiter

Kommst mit?
Nee ich hab kei Zeit. Ich muss noch was schaffe.
Aha. Schaffe. Schaffe, schaffe Häusle baue. Zwei Kinder und nen Baum gepflanzt.

Lacht. Geht zur Tür. Dreht sich noch einmal um

Ja, hier in Deutschland da geht nichts. Ich komm aus Amsterdam. Aus Amsterdam!

Zu einer Frau, die bei den Einkaufswägen steht

Tante. Kommste mit, wir gehen einen saufen. Wir saufen uns die Hucke voll.

Die Frau bleibt bei den Wägen. Kramt in ihrer Tasche. Vielleicht sucht sie eine Münze. Er ist schon an der Tür

Weißt du. Ich komm aus Amsterdam. Aus Rotterdam komm ich nämlich!

Verschwindet