Treffende Analyse

Zwei Jungs hinter mir in der Straßenbahn. Der eine (B) redet über einen anderen Freund, dessen Eltern – wie seine Eltern – aus der Türkei kommen, der aber kein türkisch mehr kann. „Der hat seine Wurzeln verloren“. Ihm dagegen ist es sehr wichtig auch türkisch gut sprechen zu können. Sie unterhalten sich dann über eine kleine bayrische Provinzstadt aus der sie – den Dialekteinschlägen nach – beide kommen.

A: Da kriegst du noch ein Mädchen. Und da gibts nicht so viel Schwule wie hier.
B: Ja..Ich weiß nicht, warum ich so gegen Schwule eingestellt bin. Ich mein die tun mir ja nichts. Ausser wenn sie mich ficken, ne? Ja manchmal frag ich mich, warum bin ich innerlich so böse auf Schwule, auch wenn die mir nichts schlechtes tun. Und dann denk ich eben, bin ich doch oft nicht böse auf Menschen die mir schlechtes tun. Schlechte Freunde zum Beispiel. Es hat doch jeder mal schlechte Freunde…
A: Ja es kommt halt auf den Charakter an…

Schöne analysiert! Fast wollt ich aufstehen und ihm auf die Schultern klopfen. Das hätte ich selber dann aber auch doof gefunden.

Deutsche Markenmutter gesucht..

erbnachfolge

Denn ein Patriarch ist in Nöten. Wohl noch nicht am Ende seiner sexuellen Potenz, aber noch keine Erbnachfolge gezeugt.
Die armen Kinder! Hoffentlich gründen die eine Antifajugendgruppe und kotzen ihren Eltern ordendlich in die Suppe…

Chaostage 2012 in Karlsruhe

Da hab ich mir gedacht: Nichts wie hin! Zum Bahnhof und ein ICE 1. Klasse Ticket gekauft. Das Slime-Konzert und die kleine Randale am Rande hab ich zwar verpasst. Ebenso das Schleppscheisse-Konzert am Freitag, oder wann war das überhaupt? Naja. Egal. Hauptsache in Karlsruh‘ gewesen. Da war ja auch sonst jede Menge los.

Ganze Straßenzüge werden grade aufgerissen. Großaufgebote an Baggern, Bohrtürmen, Containern lagern auf den Plätzen. Bauzäune, Bauzäune, Bauzäune. Wohin das Auge reicht. Und wozu das Ganze? Nun ja, es wird wohl ein Teil der City unter die Erde gelegt. Karlsruhe bekommt die erste U-Stadt in Europa, heißt es. Eine B-Ebene, wie man das ja in den 1970ern genannt hat, als es darum ging deutsche Großstädte wie München, Stuttgart oder Frankfurt mit Schnellbahnstrecken zu durchlöchern – erstreckt sich bald vom Ettlinger zum Durlacher Tor und zurück. Ist das nicht schon genug Chaos? Nein dann müssen auch noch die Punkerchaotenhorden anreisen? Genug mit dem Text. Her mit dem Riotprrrn-Kram: Bitteschön!

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Karlsruhe. Scheiss Wetter. Nichts los. Alles wartet auf den großen Auftritt der Gruppe Schleppscheiße, die am Abend spielen soll. Punks haben sich auch noch keine eingefunden. Naja einer vielleicht.

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Chaoten lungerten auf Plätzen herum, bettelten um Kleingeld und Zigarretten und zogen alten Frauen an den Haaren.

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Nicht mal Mütter mit Kleinkindern waren vor ihnen sicher!

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Auch Grünflächen und Parkhäuser wurden von ganzen Gruppen zugereister Reisechaotengruppen heimgesucht.

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Die Chaoten schauen interessiert, was es im innern des Kastenwagens so gibt. O-Ton: „Damit bauen wir geile Kartonbarrikaden auf dem Marktplatz und lassen sie niederbrennen, yay!“

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Auch ohne Punkerkrawallen regiert das Chaos die Stadt.

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An jeder Ecke drohen Bagerzähne den Häusern in der City zu Leibe zu rücken. Berliner Spezialtiefbau: Die machen so was.

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Sorge treibt so manchen Karlsruher in die Räume des sozialen Wohnungsbaus. Wohin denn nu? Die Plätze sind rar. Zuerst muss ja abgerissen werden. Aber es werden ja auch neue Häuser gebaut. Irgendwo.

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Hier ist schon eine Wohneinheit der neuen Unterstadt bezugsfertig: Wohnen im Grünen. Und das mitten in der Stadt!

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Hier am Durlacher Tor sind weitere Teile der U-Stadt bereits im Rohbau.

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Mehr Platz in der City gibts in Zukunft für Media Markt, H&M und BVerfG.

Ich war ja schon fast wieder weg. Auf dem Weg zum Bahnhof durch die Karlsruher Oststadt. Ein Mann mit Bierflasche in der Hand kommt mir um eine Straßenecke entgegen. Er bleibt stehen und spricht mich an:
„Gut, dass ich hier weg bin. Die da drin sind alle verrückt.“

Abstrakt

bau

Dass ständig von Krise geschrieben wird
und doch keine zu sehen ist
nur Baukräne, Baukräne, Baukräne

Nacht im Netto

Vielleicht wars Winter. Draussen schon dunkel. Im Laden sind nicht mehr viele Leute. Die Tür geht auf. Ein Mann betritt den Raum. Die gefütterte Lederjacke ist das einzige an das ich mich erinnere. Er stellt sich vor die Kasse. Dort sitzt der junge Marktleiter und scant.

Fuffzich meter von hier ist nen Lokal, hat man mir eben gesagt. Stimmt das?
Ahja fünfzig meter, rechts an der Seite.
Stimmt das auch wirklich? Nicht das man mich verarscht hat, ja? Eine Gastwirtschaft also?
Eine Gaststätte ja.
Weil da oben steht mein Mercedes und ich bin hier runtergelaufen…

Er dreht sich weg. Geht zur Tür. Der Marktleiter kassiert. Der Mann dreht sich wieder um. Zu einem an der Kasse.

Ah hast Spaghetti gekauft.
Ich hab keine Spaghetti gekauft!
Also ich, ich kauf hier nichts!

Zum Marktleiter

Kommst mit?
Nee ich hab kei Zeit. Ich muss noch was schaffe.
Aha. Schaffe. Schaffe, schaffe Häusle baue. Zwei Kinder und nen Baum gepflanzt.

Lacht. Geht zur Tür. Dreht sich noch einmal um

Ja, hier in Deutschland da geht nichts. Ich komm aus Amsterdam. Aus Amsterdam!

Zu einer Frau, die bei den Einkaufswägen steht

Tante. Kommste mit, wir gehen einen saufen. Wir saufen uns die Hucke voll.

Die Frau bleibt bei den Wägen. Kramt in ihrer Tasche. Vielleicht sucht sie eine Münze. Er ist schon an der Tür

Weißt du. Ich komm aus Amsterdam. Aus Rotterdam komm ich nämlich!

Verschwindet